Wenn etwas schiefläuft
Wenn etwas schiefgeht, steht oft sehr schnell eine Frage im Raum:
Wer war schuld?
Manchmal scheint die Antwort schon festzustehen, bevor wir verstanden haben, was geschehen ist. Manchmal darf im Namen einer positiven Fehlerkultur niemand mehr schuld sein. Dann waren es die Umstände, das System oder die Kommunikation.
Beides greift für mich zu kurz.
Eine falsche Entscheidung bedeutet nicht automatisch Schuld. Menschen handeln mit begrenztem Wissen, unter Druck und innerhalb ihrer Möglichkeiten. Was im Rückblick offensichtlich erscheint, war im entscheidenden Moment vielleicht kaum erkennbar.
Doch es gibt auch schuldhaftes Verhalten. Menschen missachten die Rechte anderer, sehen trotz erkennbaren Unrechts weg oder nehmen vermeidbaren Schaden in Kauf. Das muss benannt werden können. Wer darunter leidet, hat Anspruch darauf, ernst genommen zu werden.
Auch wer Schuld trägt, behält seine Würde und die Möglichkeit, sich zu verändern.
Diese humanistische Überzeugung liegt meinem Verständnis von Dynamischer Verantwortung zugrunde. Sie verbindet die Achtung vor dem Menschen mit der Bereitschaft, sein Handeln kritisch anzusehen.
Dafür braucht es einen genauen Blick: Was ist geschehen? Was war damals erkennbar? Welche Möglichkeiten bestanden tatsächlich? Welche persönlichen Entscheidungen und welche Bedingungen haben zum Geschehen beigetragen?
Aus dieser Auseinandersetzung kann etwas entstehen: die Bereitschaft, den eigenen Anteil anzuerkennen, sich zu entschuldigen, Schaden soweit möglich wiedergutzumachen und Bedingungen zu verändern, die eine Wiederholung begünstigen.
Lernen wird glaubwürdig, wenn es unser weiteres Handeln verändert.
Das Geschehene gehört jetzt zur Wirklichkeit. Seine Folgen lassen sich nicht einfach auslöschen. Doch unser Umgang damit beeinflusst, wie es weitergeht – für die Betroffenen und für uns selbst.
Dynamische Verantwortung endet deshalb weder beim Benennen von Schuld noch bei einer Entschuldigung. Sie führt zu der Frage: Was tragen wir jetzt dazu bei, dass sich etwas verändert?
Wie gelingt es uns, Fehlverhalten klar anzusprechen und zugleich Raum für Wiedergutmachung und Entwicklung zu schaffen?